Erwin Wurm | BEI MUTTI
Berlinische Galerie, Berlin, Germany | 15.4.–22.8.2016
Erwin Wurm (*1954) was invited to join the DAAD Artists-in-Berlin Programme in 1987. His residence in the city coincided with a period of redefinition in his work. Since the late 1980s he has been exploring the boundaries between sculpture, object and performance.

A key exhibit is the Narrow House, a faithful reconstruction of his parents’ home in every detail, except that the artist has compressed it into a depth of just over a metre. By walking around the house, visitors literally experience the constrictions of provincial life. This work is accompanied by several One Minute Sculptures: instructions invite visitors to adopt unusual poses with the help of everyday objects, turning themselves briefly into a living sculpture. The third section of this exhibition, a comprehensive display of drawings by Erwin Wurm, is in itself a première.
In seinen One Minute Sculptures, die seit 1997 entstehen, fordert Wurm den Skulpturbegriff radikal heraus. Die skulpturalen Interventionen wirken oft wie kleine Theaterstücke: Es handelt sich um Kurz-Performances, bei denen Personen mit Aufgaben und Gegenständen kämpfen, die ihnen der Künstler mittels einer Handlungsanweisung aufgibt. Menschen, die sich in den Ärmeln dicker Wollpullis verlieren, sich in Stuhlbeine verkeilen, die versuchen, sich auf Tennisbälle zu legen oder in grotesker Weise auf einem Sofa zu sitzen, ja mit diesem eins zu werden. Die One Minute Sculptures zeugen von Wurms intensiver Beschäftigung mit Philosophie und verdeutlichen den performativen Ansatz seiner Kunst. Kritische Auseinandersetzungen mit der Kunstgeschichte finden sich ebenso wie sarkastische Kommentare zum Katholizismus und zum zeitgenössischen Körperkult. Ein Dutzend dieser meist auch augenzwinkernden und geistreichen Dramolette ist in der Treppenhalle der Berlinischen Galerie zu erleben. Erwin Wurms theatralskulpturale Rauminszenierungen sind humorvoll, überraschend, skurril – einerseits hintergründig, andererseits mit leichter Hand inszeniert. Lustvolle, sinnliche Werke, die erst durch die Partizipation der Betrachter komplettiert werden. 

Die Ausstellung widmet sich mit rund 80 Arbeiten darüber hinaus erstmals ausführlich dem zeichnerischen Werk Erwin Wurms, das vor allem die Entstehung der One Minute Sculptures begleitet und ergänzt. Das kleine kompakte Buch Von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen handelt von einem Verwandlungsprozess. Mit knappen Instruktionen, Speiseplänen und Rezepten fordert es uns auf, unser Körpervolumen in acht Tagen um ein beträchtliches Maß zu steigern. Der eigene Körper wird zum skulpturalen Ausgangsmaterial und treibt so die Ansätze aus den One Minute Sculptures auf die Spitze. Die Arbeit ist eine Provokation weit verbreiteter Ratgeber zur Körperoptimierung und gängiger Schlankheitsideale. In der Berlinischen Galerie werden die Einzelblätter in einer Vitrine präsentiert. Der dritte Teil der Präsentation widmet sich skulpturalen Arbeiten, die erst in den vergangenen Monaten entstanden sind. Hier stehen verbeulte Kühlschränke neben riesigen deformierten Telefonen und eingeknickten Sideboards. Diese Werke setzen sich mit der skulpturalen Qualität von Möbeln und anderen Alltagsgegenständen auseinander. Wurm bildet die vertrauten Objekte aus verschiedenen Materialien nach, verfremdet sie aber gleichzeitig durch Größenverschiebungen, Verformungen und Zeichen der Zerstörung. In Bronze oder Polyester gegossen, verändern die Gegenstände ihre ursprüngliche Funktion und Bedeutung. Gleichzeitig deutet die farbliche Gestaltung auf den Inhalt der zitierten Objekte hin: So ist beispielsweise die Arbeit Body eine cremeweiße Bodylotion-Flasche und die Nachbildung eines Kühlschranks ist gelb wie Butter. Dieser spielerische Umgang mit Innen und Außen ist charakteristisch für das Werk Erwin Wurms. Was sichtbar wird, ist eine „de-Form-ation“, eine Spannung zwischen der Darstellung von Alltagsgegenständen, ihrer Materialität und den hinterlassenen Spuren von Körpereinwirkungen und -abdrücken.