Karl Horst Hödicke
Palais Populaire | 9.10.2020–8.3.2021
K. H. HÖDICKE
PALAIS POPULAIRE


In the early 1960s, the painter K. H. Hödicke (born in Nuremberg in 1938) was one of the spokespeople for a small group of impetuous young lateral thinkers who wanted to revolutionise painting. No sooner had German post-war modernism rejoined the international artistic trend towards the abstract than they revolted against this new doctrine with a revival of figurative painting, which had been declared obsolete. The retrospective K. H. Hödicke at the PalaisPopulaire provides an insight into an almost inexhaustible artistic oeuvre. The combination of drawing, painting and sculpture demonstrates that K. H. Hödicke is undoubtedly a modern classic, albeit with a decades-long career that has retained its freshness and relevance.

The young Hödicke arrived in Berlin in 1957. Prior to that, the formative years of his childhood and youth were spent in Munich after the end of the Second World War. Here, the intoxicating palette of colours used by the artists’ group Der Blaue Reiter made a deep impression on him during his many visits to Lenbachhaus. He was also inspired by the discovery of the artistic freedom of the Old Masters in the Pinakothek. These influences provided an artistic maxim that would determine his future work.
 
In 1959 he began to study painting in Berlin at the Academy of Fine Arts, graduating in 1964. The former metropolis of Berlin, divided by the Iron Curtain into an eastern and a western zone, was at this time also culturally caught in the crosshairs of the conflicting political interests of the great powers. In the midst of this Cold War political ice age, Tachisme, Informel and Abstract Expressionism had just conquered the studios of West German academies as the universal visual language of the free West, only to freeze into an academic style. Individual young students like Hödicke opposed the decreed, regulated freedom of abstract art with provocatively realistic visual worlds. With his surprisingly fresh, contemporary visual worlds, Hödicke, like other artists of his generation, abruptly sets himself apart from the paternal generation of the abstract. His early big-city subjects focused on motif extracts, which he titled reflections, and which distinguish his unmistakable signature. Painted with a dynamic-flowing gesture that oscillates between form and non-form, they shine with luminous and expressive colour.

Ten years later, K. H. Hödicke was appointed professor at the West Berlin Academy of Fine Arts in 1974. His direct style of painting would have a formative influence on a whole generation of subsequent artists, who became known as the Neue Wilde in the 1980s. K. H. Hödicke himself still lives and works in the Berlin, whose unique insularity he appreciated for so long.

His painting today has outlived fleeting phenomena, and ranks among the established greats of recent art history, providing one of the most important reference points for young contemporary artists.

The retrospective K.H. Hödicke, which after its premiere at the Staatliche Graphische Sammlung München is now on view in Berlin presents the artist’s core creative phases from the early 1960s on. This is the first time that Hödicke has given a curator the opportunity to assess all the works in his possession over a period of two years, to group works together and to compile them thematically according to a particular curatorial direction. For example, the “Informel Room” illustrates not only the break with the tradition but also his continued productive engagement with non-objective painting. The “Berlin Suite” shows he is not merely a chronicler of Berlin, but rather fascinated by the city’s unique life-force which he is drawn to document.
 
The focus of the exhibition is on K. H. Hödicke’s large-format paintings on paper from the 1970s and 1980s, in which he recorded his artistic research over two decades. He also speaks of them as “trial runs”, in which he composes motifs, varies them in series, and comes up with ever new artistic solutions during the working process.

The paintings on paper were preceded by so-called DIN A4 drawings from the late 1960s to the late 1970s, which occupy a special position in the work cycle of small-format drawings. Their pictorial ideas appear as a contemporary documentation of this decade. Comprised of more than 140 drawings, 80 of which are on display in the exhibition, the present DIN A4 catalogue is devoted exclusively to this group of works.

The paper works are completed by a selection of his so-called croquis studies on reclaimed cardboard, which were created during a short intensive period in the late 1980s and early 1990s. In these studies, Hödicke once again reduces his colour intensity and encapsulates a pictorial concept with just a few brushstrokes. 
K. H. HÖDICKE
PALAIS POPULAIRE


Der Maler K. H. Hödicke (*1938 Nürnberg) zählt zu Beginn der 1960er-Jahre zu den Wortführern einer kleinen Gruppe ungestümer jugendlicher Querdenker, die die Malerei revolutionieren wollen. Kaum dass die deutsche Nachkriegsmoderne wieder Anschluss an internationale künstlerische Tendenzen der Abstraktion gefunden hat, begehren sie gegen diese neuerliche Doktrin auf und halten mit einer Renaissance der für obsolet erklärten figurativen Malerei dagegen. Die retrospektiv angelegte Ausstellung K. H. Hödicke im PalaisPopulaire gibt einen Einblick in ein nahezu unerschöpfliches künstlerisches Werk und demonstriert in der Zusammenschau von Zeichnung, Gemälde und Skulptur, dass K. H. Hödicke heute zweifellos zu den Klassikern gehört, sein Jahrzehnte übergreifender Werklauf aber hat seine Frische und Aktualität bewahrt.

1957 war der jugendliche Hödicke nach Berlin gekommen. Zuvor hatte er die prägenden Jahre seiner Kindheit und Jugend nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in München verbracht. Hier macht der Farbenrausch der Künstlergruppe Der Blaue Reiter bei seinen vielen Besuchen im Lenbachhaus tiefen Eindruck auf ihn. Daneben entdeckt und begeistert er sich in der Pinakothek für die malerische Freiheit der alten Meister. Künstlerische Maxime, die sein eigenes Schaffen zukünftig bestimmen werden.

1959 beginnt er in Berlin ein Studium der Malerei an der Hochschule für Bildende Künste, das er 1964 mit dem Diplom abschließt. Die durch den Eisernen Vorhang in eine Ost- und eine Westzone geteilte ehemalige Metropole Berlin steht in diesen Zeiten in besonderem Maß auch kulturell im Fadenkreuz gegensätzlicher politischer Interessen der Großmächte. Gerade erst haben inmitten der politischen Eiszeit des Kalten Kriegs Tachismus, Informel und Abstrakter Expressionismus als universelle Bildsprachen einer freien westlichen Welt die Malklassen westdeutscher Akademien erobert, um alsbald zu einem akademischen Stil zu erstarren, da begehren einzelne junge Studierende wie Hödicke mit provozierend realistischen Bildwelten gegen diese verordnete reglementierte Freiheit zur Abstraktion auf. Mit seinen überraschend unverbrauchten zeitgenössischen Bildwelten setzt sich Hödicke wie auch andere Künstler*innen seiner Generation abrupt von der Vätergeneration der Abstrakten ab. Seine frühen auf Motivextrakte konzentrierten Großstadtsujets, die er mit Reflexionen betitelt, zeichnen seine unverkennbare Handschrift aus. Gemalt mit einem dynamisch-fließenden Gestus, der zwischen Form und Nichtform oszilliert, erstrahlen sie in einer leuchtend-expressiven Farbigkeit.

Zehn Jahre später wird K. H. Hödicke 1974 selbst zum Professor an die Westberliner Hochschule für Bildende Künste berufen. Seine direkte Malerei sollte prägend werden für eine ganze Generation nachfolgender Künstler*innen, die in den 1980er-Jahren als Neue Wilde firmieren. K. H. Hödicke selbst lebt und arbeitet noch immer in der Stadt, deren insulares Eigenleben er so lange schätzte. Seine Malerei zählt heute, jenseits flüchtiger Phänomene, zu den gesetzten Größen der jüngeren Kunstgeschichte und aktuell zu den wichtigen Referenzen für junge künstlerische Positionen der Gegenwart.

Die retrospektiv angelegte Ausstellung K.H. Hödicke, die nach ihrer Premiere in der Staatlichen Graphischen Sammlung München nun in Berlin zu sehen ist, stellt zentrale Werkphasen des Künstlers ab den frühen 1960er-Jahren vor. Erstmals hat Hödicke damit einem Kurator die Möglichkeit gegeben, die in seinem Besitz befindlichen Werke über einen Zeitraum von zwei Jahren vollständig zu sichten, Werkgruppen zu bündeln und unter bestimmten kuratorischen Aspekten thematisch zusammenzustellen. Beispielsweise veranschaulicht ein „Informel-Saal“ neben dem Bruch auch seine fortgesetzte produktive Auseinandersetzung mit der gegenstandslosen Malerei. Oder eine „Berlin-Suite“ veranschaulicht, dass er nicht als Berlin-Chronist zu verstehen ist. Eher ist es ein genuines Lebensgefühl, das ihn an dieser Stadt fasziniert und das er dokumentiert.

Im Fokus der Ausstellung stehen K. H. Hödickes großformatige Malereien auf Papier der 1970er- und 1980er-Jahre, in denen er über zwei Jahrzehnte hinweg seine künstlerischen Recherchen festhält. Er spricht von ihnen auch als „Trainingsläufe“, in denen er Motive komponiert, in Serien variiert und während des Arbeitsprozesses zu immer neuen künstlerischen Lösungen kommt.

Den Malereien auf Papier gehen sogenannte DIN-A4-Zeichnungen aus den späten 1960er- bis späten 70er-Jahren voraus, die im Werklauf der kleinformatigen Zeichnungen eine Sonderstellung einnehmen. Ihre Bildideen erscheinen wie ein Zeitdokument dieses Jahrzehnts. Mit mehr als 140 Zeichnungen, von denen 80 Blätter in der Ausstellung zu sehen sind, ist der vorliegende Katalog DIN A4 ausschließlich dieser Werkgruppe gewidmet.Komplettiert werden die Papierarbeiten durch eine Auswahl seiner sogenannten Croquis-Studien auf vorgefundenen Kartonpappen, die in einer kurzen intensiven Schaffenszeit in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren entstehen. In diesen Studien reduziert Hödicke einmal mehr sein Kolorit und bringt mit wenigen Pinselstrichen eine Bildidee auf den Punkt.

Der Fülle an Werken auf Papier wird eine konzentrierte Auswahl malerischer Hauptwerke aus der Serie Reflexionen aus der Mitte der 1960er-Jahre und Spiegelungen aus den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren gegenübergestellt, ergänzt um einige wenige charakteristische Gemälde der 1980er- und frühen 1990er-Jahre sowie nicht zuletzt einer Gruppe kleinformatiger Bronzen.