Camille Henrot | Forster 1754-2015
Kunsthalle Mainz | 2.10.2015–24.1.2016
FORSTER1754 – 2015

Lothar Baumgarten 
Camille Henrot
Friedemann von Stockhausen

02/10/15 – 24/01/16  

„Vor allen Dingen aber ist zu bemerken, daß man einerley Dinge oft aus verschiedenen Gesichtspunkten ansiehet, und daß dieselben Vorfälle oft ganz verschiedene Ideen hervorbringen.“  

Das Zitat stammt von Georg Adam Forster (1754 – 1794), dem zwischen 1788 und 1792 in Mainz als Bibliothekar wirkenden Wissenschaftler und republikanisch gesinnten Vordenker. Bereits als Siebzehnjähriger begab er sich zusammen mit seinem Vater Johann Reinhold Forster an Bord des Schiffes, mit dem Kapitän James Cook seine zweite Weltumseglung unternehmen sollte. Die Erfahrungen und Beobachtungen, die er während der dreijährigen Reise machte, sollten seine gesamte Sicht der Welt prägen. Georg Forster erstellte in dieser Zeit detailreiche Zeichnungen von Flora, Fauna und Landschaften der von ihm bereisten Gegenden, legte ein umfangreiches Herbarium mit Pflanzenbelegen an, sammelte gemeinsam mit seinem Vater Gegenstände des täglichen Gebrauchs aus unterschiedlichen Kulturen und verfasste nach seiner Rückkehr das bis heute berühmte Werk Reise um die Welt. 

In all diesen Dokumenten drückt sich nicht nur Georg Forsters herausragende Beobachtungsgabe, sondern auch seine Unvoreingenommenheit gegenüber fremden Kulturen aus. Sein erstes Interesse galt dem Menschen selbst und dessen Eingebundensein in die Landschaft, die Natur, das Staatswesen und die Geschichte. Seine größte Sehnsucht bildete eine Zivilisation, in der ein gleichberechtigtes, freies Miteinander herrschte. 

Forsters Betrachtungsweise der Welt ist zeitlos und lässt Rückschlüsse auf unsere gegenwärtige Welt und ihre Verfasstheit zu. Heute müssen wir keine Weltreisen mehr antreten, um mit dem Andersartigen konfrontiert zu werden. Das Fremde findet sich im und unter dem Eigenen, im gesellschaftlichen Gefüge, in Konflikten und Krisen. Dennoch ist der Beobachter in jeder Begegnung mit dem Unbekannten gefordert, und aus gestörter Vertrautheit geht ein Mehr an Erfahrungen hervor.

Ausgehend von Georg Forsters vielseitigen Hinterlassenschaften und seinen Reisen stellt die Ausstellung FORSTER 1754 – 2015 vor allem die Frage nach der Begegnung mit dem Fremdartigen und den daraus resultierenden Rückwirkungen auf die eigene Kultur und den Verflechtungen mit ihr. Zu sehen sind Versuche, sich mit den heute umso dringlicher benötigten Betrachtungsweisen und Weltwahrnehmungen Georg Forsters auseinanderzusetzen und sie zu verbildlichen. Ganz im universellen Forster’schen Sinne werden ethnografische, botanische, historische sowie zeitgenössische Exponate und Konzepte zueinandergebracht – Dinge, die auf eine Art zusammengehören und die sich formal oder inhaltlich ergänzen. Die zeitgenössischen Künstler Lothar Baumgarten, Camille Henrot und Friedemann von Stockhausen setzen sich mit Georg Forster, seinen Vermächtnissen und der fortdauernden Aktualität seines einfühlsamen wie visionären Blicks auf die Welt auseinander und verwandeln dafür die drei Ausstellungshallen in Denk- und Wahrnehmungsräume. 

Lothar Baumgarten nimmt den Betrachter mit Words at Sea  auf eine mehrdeutige Reise. In die Nacht des Ozeans getaucht, steht er im Rumpf zwischen den Spanten der Resolution, des Schiffs der zweiten Weltumsegelung Kapitän Cooks. Getragen vom Geräusch stetig anrollender Wellen, bewegen sich auf den Wänden des Raums Wortfiguren, in denen Sinn und Widersinn, die Bewusstseins- und Realitätsbrüche, die Lebenslügen und Versprechungen unserer gesellschaftlichen Gegenwart zur Sprache kommen. Gesicht und Denken einer Zeit zeigen sich am deutlichsten in ihren spontanen Wortschöpfungen. Oft genug weisen sie den Kurs, den eine Gesellschaft aufnimmt, in beklemmender Weise voraus.

Die Formfigur einer nautischen Stabkarte konfiguriert in ihren Tangenten Zitate Georg Forsters. Seine Gedanken zur revolutionären Befreiung des Menschen setzen sich im Schein der „Schiffslaterne“ in mit Regenwasser gefüllten Tellern fort. Angeschwemmte Kokosnüsse verweisen auf die Wiederkehr abgeschlagener Köpfe der Revolutionen. 

Augen der Welt von Friedemann von Stockhausen besteht aus einer mehrteiligen Zeichnung, die collagenartig alle vier Wände des Ausstellungsraums überzieht. Es ent-wickelt sich eine Formensprache, die sich eindeutigen Zuschreibungen entzieht. Erscheinungen aus frühen Stufen der Evolution, das Organische in seinen Deformationen und Metamorphosen verbinden sich mit Artefakten und Fragmenten unterschiedlicher Kulturen, die sich zu neuen und befremdlichen Körperlichkeiten vereinen. Es entsteht ein Panorama, in dem der Betrachter zum Entdecker wird und das ihn in der Wechselbeziehung von Vertrautheit und Befremdung, von Verflechtung und Abgrenzung schauend vereinnahmt.  

Im Alten Turm der Kunsthalle hängen drei sieben Meter messende, durchscheinende Prospekte. Eine Statue und ein Generationenzählstab aus Hawaii treffen auf die Fragmente einer 1794, dem Todesjahr Georg Forsters, von den Revolutionären zerstörten Königsfigur aus dem Portal von Notre Dame in Paris. Verkörpern, Erinnern, Zerstören verbinden sich hier auf engstem Raum.

Eine ganz andere Umgebung schafft die Künstlerin Camille Henrot mit Grosse Fatigue. In einer komplett blauen Zelle läuft ein Video, das einen Computermonitor zeigt. An diesem Monitor entsteht die Welt. Aus Schöpfungsmythen der Sioux, des Buddhismus bis hin zum Judentum entsteht eine neue, laut und schnell vorgetragene Genesis, die mit Bildern der Entstehung des Universums, der Evolutionsgeschichte und ethnografischen Objekten verbunden wird. Fenster poppen auf und werden geschlossen. Unzählige Versatzstücke werden bald motivisch, bald inhaltlich miteinander verknüpft und überlagert, um schließlich in der kreierten Bilderflut unterzugehen. Zahlreiche Bilder entstammen der Sammlung der Smithsonian Institution in Washington. Diesen etablierten Ort der Wissensproduktion und -verbreitung kontrastiert Camille Henrot mit zeitgenössischen Formen der Informationsverarbeitung. Grosse Fatigue ist eine Ode an die Gleichzeitigkeit, an die Verdichtung und an die Entstehung von Wissen im digitalen Zeitalter. 

Kuratiert von Stefanie Böttcher, Trevor Smith und Thomas D. Trummer