PETER DREHER | Beachcomber Shores | König Galerie | 9.3.–21.4.2019
ENGLISH & GERMAN VERSION AVAILABLE



PETER DREHER | BEACHCOMBER SHORES
9 MARCH – 21 APRIL 2019
ST. AGNES | CHAPEL
OPENING: 8 MARCH, 6 – 9 PM


What do things do when we are not present?

The succinct title of the exhibition—Beachcomber Shores—does not disclose itself immediately. It is the title of the largest painting of its kind by the neorealist painter Peter Dreher. Strictly speaking, this interior consists of 52 individual works each sized 41 x 51 cm. Conjointly they grant a 360° panoramic view that shows his hotel room in San Diego, California.

The viewer looks into quiet, empty, and almost ascetic rooms. Using oil colours, the artist painted the suite’s furnishings alla prima onto masonite boards. The smoothness of the masonite surface resembles paper, which allows the paint to be applied seamlessly and thereby creates an illusionistic effect of depth. The painter does not, however, intend the mimicry of a colour photograph. On closer inspection, the apparently consistent surface dissolves into individual islands of paint that reveal the brushwork. The works’ startling realism is rooted in Peter Dreher’s gift of absolute vision. His visual capacities are so acutely and chromatically tuned that he can identify hues in their finest fragmentation and reproduce them on his palette. The colouring exposes reality as directly present.

Peter Dreher chose the USA as his target destination when he was a young man; since the early nineties, he has spent several weeks per year in San Diego. America's Finest City means to him what Italy may have meant to the artists of the 19th century—a nostalgic and romanticised Arcadia. For his stay the painter chose an uncomplicated ‘surfers’ hotel’, as his modest studio at home in Sankt Märgen in the Southern Black Forest equally lacked notions of comfort. He self-imposed a material celibacy in order to focus on what was most essential and relevant to him: painting. This humble attitude infuses Beachcomber Shore’s tranquil rooms, while simultaneously embodying and representing their creator. The essence of things here entails the essence of the painter.

Most of the individual paintings could also be stand-alone works. They are partial reminiscences of the artist’s great role models: Chardin, for example, in the picture displaying a tulip bouquet emerging as a still life. Depicted in a sharply defined and clear-cut way, another example is Edward Hopper at the window pane behind which a house facade shows a shadow. As if to commence a silent prayer, the viewer pauses in front of such imagery—the paintings occasion a temporally fluid, transcendent moment.

The impact of Beachcomber Shores is encapsulated by the following terms: poetry of the moment, grace, and quiet dignity. Considering that noise, ostentation, and scheming are alien to Dreher, these words also appropriately describe the artist himself.

He assimilates and transforms. He turns the simple, the concrete, and the banal into something unique and timeless; he produces a type as well as a topos. Peter Dreher masters the art of omission—he reveals the essential and the indispensable. This clarity acts like a refining process and renders cognition possible. The viewer is granted insight into an intimate situation, which is also illusive, however, as the rooms do not truly disclose themselves. The strictness of uninhabited space communicates a sense of do-not-come-too-close-to-me. The rooms know how their secret must be kept.

The silverbowl and perry glass still lifes, which are also exhibited, have similar effects on the viewer. With their reflective surfaces they absorb the peripheral world, while simultaneously mirroring it back and onto themselves.

Peter Dreher’s first solo exhibition at König Galerie is the result of a wise decision; it makes an unmistakable statement. One does not do justice to the painter by repeatedly narrowing down his oeuvre to his numerically largest group of works: Day by Day, Good Day. The sheer number of these works is overwhelming and has caused their high recognition value. One might even wonder why Peter Dreher does not have an entry in the Guinness Book of Records with this series. It must sting the artist that many buyers of his paintings are predominantly influenced by these notions of sensation and recognition value. In fact, the painter intended to produce an anti-marketing statement with the series—because the ever-same does not yield the quality of uniqueness that is usually sought after.

This exhibition intends to highlight Peter Dreher’s abundant oeuvre. It makes an important contribution to the artist’s ‘rehabilitation’. It seeks to do justice to the breadth of topics and the plentitude of formal ideas communicated.

 

 

 

 

 





PETER DREHER | BEACHCOMBER SHORES
9. MÄRZ – 21. APRIL 2019
ST. AGNES | CHAPEL
ERÖFFNUNG: 8 MÄRZ, 6 – 9 PM


Was tun die Dinge, wenn wir nicht anwesend sind?

Beachcomber Shores – der lapidare Titel der Ausstellung – erschließt sich nicht sofort. Es ist der Titel des von seinen Ausmaßen her größten Gemäldes, das der neorealistische Maler Peter Dreher bis jetzt gemalt hat. Genau genommen besteht dieses Interieur aus 52 Einzelbildern zu je 41 x 51 cm, die sich zu einer 360° Ansicht – also einem Panoramabild –  zusammensetzen. Dieses zeigt sein Hotelzimmer im südkalifornischen San Diego.

Der Betrachter blickt in stille, leere, fast asketisch anmutende Räume. Der Künstler hat die Einrichtung der Zimmerflucht mit Ölfarbe à la prima auf Masonitplatten gemalt. Deren Oberfläche hat in ihrer Glätte die Anmutung von Papier und ermöglicht dadurch einen überganglosen Farbauftrag, der eine illusionistische Tiefenwirkung erzeugt. Doch die Mimikry eines Farbfotos hat der Maler nicht beabsichtigt. Bei näherer Betrachtung löst sich die einheitlich wirkende Oberfläche in einzelne Farbinseln auf und der Pinselduktus wird sichtbar. Der verblüffende Realismus gründet in etwas anderem: Peter Dreher verfügt über die Gabe des absoluten Sehens. Sein Sehzentrum ist so fein chromatisch abgestimmt, dass es jeden Farbton in seinen allerfeinsten Fragmentierungen ausrechnen und auf der Palette wieder herstellen kann. Es liegt an der Farbgebung, dass der Betrachter den Eindruck hat, die Realität vor sich zu haben.

Peter Dreher, der bereits als Jugendlicher die USA zu seinem Sehnsuchtsziel erkoren hat, verbrachte seit Beginn der neunziger Jahre immer wieder mehrere Wochen im Jahr in San Diego. America`s Finest City  ist vielleicht für ihn so etwas wie Italien es für die Künstler des neunzehnten Jahrhunderts war, ein nostalgisch verklärtes Arkadien. Der Maler wählte für seinen Aufenthalt ein einfaches Surfer-Hotel ohne jeden Schnickschnack. Wie zuhause in seinem schlichten Atelier in St. Märgen im Südschwarzwald verzichtete er auch hier auf jeden Komfort. Er legte sich sozusagen einen materiellen Zölibat auf, um sich auf das, was ihm wesentlich und wichtig war, zu konzentrieren, auf die Malerei. Diese modeste Haltung atmen diese stillen Räume im beachcomber shores und verkörpern und repräsentieren damit ihren Schöpfer. Vom Wesen der Dinge bedeutet hier auch vom Wesen des Malers.

Die Einzelbilder, die größtenteils auch für sich alleine stehen könnten, sind zum Teil Reminiszenzen seiner großen Vorbilder: Zum Beispiel Chardin auf dem Bild, wo sich der Tulpenstrauß zu einem Stillleben verdichtet. Zum Beispiel Edward Hopper bei dem Fensterausschnitt, hinter dem eine Hausfassade mit Schlagschatten zu sehen ist, scharf wie mit einer Schere ausgeschnitten. Der Betrachter verharrt vor solchen Bildern in einer Art stillem Gebet, indem diese einen zeitentgrenzten transzendenten Moment schaffen.

Die Wirkung von beachcomber shores lässt sich mit den Begriffen zusammenfassen: Poesie des Augenblicks, Anmut und stille Würde. Begriffe, die auch den Künstler beschreiben, da ihm alles Laute, Demonstrative und jegliches Kalkül wesensfremd sind.

Er ist ein Anverwandler und Verwandler, indem er das Einfache, Konkrete und Banale zu etwas Besonderem und Zeitlosem macht, indem er einen Typus, einen Topos schafft. Peter Dreher beherrscht die Kunst des Weglassens und offenbart damit das Wesentliche und Unverzichtbare. Diese Klarheit wirkt wie ein Veredelungsprozess und macht ein Erkennen möglich. Dem Betrachter wird Einblick in eine imtime Situation gewährt. Doch das ist nur scheinbar, denn die Räume öffnen sich nicht wirklich. Sie strahlen mit ihrer leeren Strenge auch ein Komm-mir-nicht-zu-nahe aus. Sie wissen ihr Geheimnis zu wahren.

Ähnlich wirken auch die Stillleben der silverbowls und Birnenmostgläser, die ebenfalls in dieser Ausstellung gezeigt werden. Sie nehmen mit ihrer spiegelnden Oberfläche die sie umgebende Welt auf, reflektieren sie aber gleichzeitig und werfen sie auf sich selbst zurück.

Die erste Einzelausstellung Peter Drehers in der König Galerie ist das Resultat einer klugen Entscheidung und gibt ein unmissverständliches Statement ab. Denn man wird dem Maler nicht gerecht, wenn man sein Werk immer wieder auf die zahlemmäßig größte Werkgruppe Tag um Tag guter Tag verengt. Diese überwältigt zwar durch ihre schiere Zahl (man kolportiert immer wieder die Zahl 5000) und erhält dadurch einen hohen Wiedererkennungswert. Es mag verwundern, dass Peter Dreher mit dieser Reihe noch keinen Eintrag im Guinessbuch des Rekorde kassiert hat. Es muss den Künstler schmerzen, dass viele Käufer seiner Bilder auf diese Sensation und den Wiedererkennungswert zielen. Denn eigentlich hat der Maler mit dieser Serie ein Anti-Vermarktungs-Statement setzen wollen. Durch das Immergleiche gibt es nicht das Besondere, auf das dann die Jagd eröffnet wird.

Ausstellungen wie diese öffnen den Blick auf das reiche Gesamtwerk und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur „Rehabilitation“ des Künstlers, will sagen zu einer Wahrnehmung, die diesem Reichtum an Themen und dem Reichtum der formalen Ideen gerecht wird.