Annette Kelm | PIZZA
König Galerie | 30.4.–29.5.2016
Press Release: 

In contrast to any type of image production that aims above all to achieve optimized effect in the digital media, Annette Kelm unleashes the potential inherent in photography to reproduce the world of objects and thereby uncover their cultural foundations and day-to-day aporias or impasses.

On the one hand, her photographs seem dedicated to a thoroughgoingly sober presentation of things, quoting genres such as the still life and studio photography. On the other hand, however, her strictly formal pictorial language with its neutral light and objective view of arranged objects gives the latter a hyper-real presence, freeing them from the realm of the purely factual. Levelled down onto the plane surface and free of any narrative charge, the compositional factor comes to the fore, endowing the motifs in all their visual density and pithiness with a wellnigh rebus-like significance. Thus the things are what they are, yet carry also an abstract significance that is merely ascribed to them. They are straightforward and yet at the same time intractable motifs that seem to fit neither the category of objective documentation nor that of figurative representation. They flatten objects pictorially into a flat plane or line them up in the lines and sequences of photographic experiments and lighting effects. Depicted frequently from the front and with great sharpness of detail, the minimal but nevertheless ornament-oriented world of things marks the translation into the two-dimensional space of photography. The latter’s perspective, narrowing into a single point of view, is part of the dispositif of photography, but also the expression of a subjective vision of the world.

All the objects on view in these photographs are of little value. They are things bought in one-Euro thrift shops or things found in the street – pizza boxes or flowers against a coloured paper background reminiscent of Mondrian. The way they are staged has no ennobling effect, but neither does it simply let the things drift away from reality into spheres of cultural meaning. Grounded in the principle of repetition and variation, the pictures centering on these objects tend rather to emphasize the photographic itself as the production of signs and images. Precisely seriality reveals itself as a way out of a pictorial concept trapped in representation. Based on a complex serial strategy, Annette Kelm’s photography is hypostasized in forever differentiated repetitions. Balancing Wedge shows the identical, clearly personally constructed set of scales in a range of differing inclinations or tilts. The photograph of a pizza box on which an expressively shaped piece of bark is lying contrasts the standard, industrial product with the natural objet trouvé, but only in the various differing portrayals does it become an enigmatic image of photography as a system of signs. And the portrait of the artist Lucie Stahl, showing her standing behind a red blind, is as much formal composition as a study of propinquity and distance, image and simulacrum.

The jeans shirt on which a cup painted with a face has been positioned – all photographed against a gleaming yellow background – could be a self-portrait of the artist. The Jacquard loom with its punch-card system is a forerunner of the binary system in modern computers. Instrumentality, these images make clear, is, however, just one and probably not even the most important category in our dealings with things, which are always also place-holders for something else, something other.

 

Text: Vanessa Joan Müller

Annette Kelm (*1975, Stuttgart) lives and works in Berlin. She belongs to the most important representatives of contemporary photography from Germany and has recently received the Camera Austria-Prize. Beside group exhibitions like the 54. Venice Biennale (2011) and currently at the Kunstmuseum Bonn (2016), her works have been presented within solo exhibitions at international institutions such as the Museum of Contemporary Art Detroit (2016), VOX. Center of Contemporary Image, Montréal (2016), Kölnischer Kunstverein (2014), Städel Museum, Frankfurt am Main (2012), KW - Institute for Contemporary Art, Berlin (2009), Kunsthalle Zürich (2009) and Witte de With, Rotterdam (2008). Annette Kelm is represnted in collections like that by the Tate Modern, London; Museum of Modern Art, New York, des Centre Pompidou, Paris; Kunsthauses Zürich, Schweiz and the Guggenheim Museum, New York. 


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Im Gegensatz zu einer Bildproduktion, die vor allem darauf abzielt, in digitalen Medien optimale Wirkungskraft zu entfalten, arbeitet Annette Kelm das Potenzial der Fotografie heraus, in der Reproduktion von Gegenstandswelten deren kulturelle Fundamente und alltägliche Aporien freizulegen.

Einerseits scheinen ihre Aufnahmen einer überaus sachlichen Darstellung von Gegenständen verpflichtet, die Genres wie das Stillleben und die Studiofotografie zitiert. Andererseits verleiht ihre streng formale Bildsprache mit neutralem Licht und objektiver Sicht auf arrangierte Objekte diesen eine hyperreale Präsenz, die sie aus dem Reich des bloß Faktischen herauslöst. Eingeebnet in die Fläche und frei von narrativer Aufladung, rückt das kompositorische Moment in den Vordergrund, das die Motive in ihrer visuellen Prägnanz mit geradezu rebusartiger Bedeutung auflädt. So sind die Dinge, was sie sind, transportieren aber auch eine abstrakte, ihnen bloß zugeschriebene Bedeutung. Es sind simple, gleichzeitig widerspenstige Motive, die weder in die Kategorie sachlicher Dokumentation noch in die zeichenhafter Repräsentation zu passen scheinen. Sie ebnen Gegenständliches bildhaft in die Ebene ein oder reihen es in fotografische Versuchs- und Belichtungsreihen ein. Häufig frontal und mit großer Detailschärfe abgebildet, markieren die minimalen, gleichwohl am Ornamenthaften orientierten Dingwelten die Übersetzung in den zweidimensionalen Raum der Fotografie. Dessen sich auf einen Blickwinkel verengende Perspektive ist Teil des fotografischen Dispositivs, aber auch Ausdruck einer subjektiven Sicht.

So sind in der dreiteiligen, als Triptychon arrangierten Serie Monney (2015) ungebrauchte Ein-Dollar-Noten vor einem Hintergrund aus Packpapier zu sehen. In dem ersten Bild formieren sie sich zu dem falsch geschriebenen Wort Monney, in den beiden anderen zerfällt dieses zu einem Haufen aus Geldscheinen. Die Banknoten, die sich in ihrer eine Echtheitsprüfung ausschließenden fotografischen Reproduktion als bedrucktes Papier präsentieren, besitzen hier allenfalls einen abstrakten monetären Wert. Geld wie Sprache präsentieren sich vielmehr als Resultat einer symbolisch geregelten und im Sozialen praktizierten Übereinkunft.

In der ebenfalls dreiteiligen Serie Money Tree (2015) dienen die Dollarnoten als Blätter von Dekorpflanzen und formen einen abstrakten Geldbaum. Der Titel indessen listet protokollarisch das Arrangement auf: One Dollar Right Side / Money Tree One Leaf Right beziehungsweise One Dollar Left Side / Money Tree One Leaf Left. Auf einigen Scheinen hat Kelm George Washington nach oben gezogene Mundwinkel gemalt.

Alle Dinge, die auf diesen Fotografien zu sehen sind, haben einen geringen Wert. Es sind Gegenstände aus 1-Euro-Shops oder Fundstücke von der Straße, Pizzakartons

oder Blumen vor einem an Mondrian erinnernden Hintergrund aus farbigem Papier. Ihre Inszenierung nobilitiert nichts, lässt die Dinge aber auch nicht einfach aus der Realität in kulturelle Bedeutungssphären abgleiten. Die auf dem Prinzip von Wiederholung und Variation basierenden Bilder, in denen diese Objekte im Mittelpunkt stehen, heben vielmehr das Fotografische selbst als Produktion von Zeichen und Bildern hervor. Gerade die Serialität erweist sich als Weg aus einem Bildbegriff, der in Repräsentation gefangen ist. Annette Kelms auf einer komplexen Strategie der Serie basierende Fotografie realisiert sich in diesem Sinne in immer schon differenten Wiederholungen. Balancing Wedge zeigt die gleiche, offenbar selbstgebaute Waage in unterschiedlicher Neigung. Die Aufnahme eines Pizzakartons, auf dem ein expressiv geformtes Stück Borke ruht, kontrastiert industrielles Standardprodukt und natürlich gewachsenes Fundstück, wird aber erst in der jeweils leicht abweichenden Darstellung zum enigmatischen Bild über die Fotografie als Zeichensystem. Und auch das Porträt der Künstlerin Lucie Stahl, das diese hinter einer roten Jalousie zeigt, ist ebenso sehr formale Komposition wie Studie über Nähe und Distanz, Bild und Abbild.

Das vor leuchtend gelbem Hintergrund aufgenommene Jeanshemd, auf dem eine Tasse mit aufgemaltem Gesicht platziert ist, könnte ein Selbstporträt der Künstlerin sein. Der Jacquard-Webstuhl mit seinem Lochkartensystem ist ein Vorläufer des Binärsystems moderner Computer. Instrumentalität, das machen diese Bilder deutlich, ist jedoch nur eine und vermutlich nicht einmal die wichtigste Kategorie in unserem Umgang mit den Dingen, die stets auch Platzhalter für etwas anderes sind.

Text: Vanessa Joan Müller

Annette Kelm (*1975, Stuttgart) lebt und arbeitet in Berlin. Sie gehört zu den wichtigsten Vertetern zeitgenössischer Fotografie aus Deutschland und wurde jüngst mit dem Camera Austria-Preis ausgezeichnet. Neben Gruppenausstellungen wie der 54. Venedig Biennale (2011) und aktuell im Kunstmuseum Bonn (2016) wurden ihre Arbeiten im Rahmen von Einzelausstellungen in internationalen Institutionen präsentiert, darunter Museum of Contemporary Art Detroit (2016), VOX. Center of Contemporary Image, Montréal (2016), Kölnischer Kunstverein (2014), Städel Museum, Frankfurt am Main (2012), KW - Institute for Contemporary Art, Berlin (2009), Kunsthalle Zürich (2009) und Witte de With, Rotterdam (2008). Annette Kelm ist in den Sammlungen der Tate Modern, London; des Museum of Modern Art, New York, des Centre Pompidou, Paris; des Kunsthauses Zürich, Schweiz und des Guggenheim Museum, New York vertreten.