Tatiana Trouvé | FROM ALEXANDRINENSTRASSE TO THE UNNAMED PATH. BERLIN. FEBRUARY 2016.
KÖNIG GALERIE | 5.2.–28.3.2016
Press Release:


A LABORATORY OF TIME

For her second exhibition at KÖNIG GALERIE, Tatiana Trouvé has created new works which can be divided into three groups. Cosmos consists of three pieces of furniture covered with bronze blankets, on whose backs cosmologies are drawn, traced and written. These objects combine multiple realities: the triviality of worn pieces of industrial furniture and cartography, watercourse drawings and diagrams of cosmic or natural systems, historical and climatic phenomena and topologies of dreams. Their status is transient, like that of stored objects. But the spaces composed here are transitional: the shifts occurring here involve the transformation of materials, the layering of space and time, of orders and representations, of scales and dimensions, of cultures and systems of thought. These Cosmos works are fragmented and unstable.

Wires and lines are the means, for Tatiana Trouvé, of constructing and writing space, as implied in the group of works Wander Lines. Their metal rods retrace pathways associated with dates and places but also with statements (‘Infinite Detour’, ‘From here to now’), linking these forms to reflections that subtly echo the topographies invented by Fernand Deligny during his observations of children with autism. The vertical rods and wires in Equivalences are, for their part, components of a system that connects a weight (a mechanical and industrial element) and its counterweight (a container, bottle or vessel) through a pulley. However, the counterweight, in order to hold the suspended weight, must be two and a half times heavier: the equivalence is played unequally, that is to say, by jeopardising the principle of equality. Fragmentation, suspension, layering, equivalence and echo… are ways of holding elements together, but also designate modes of apprehending time. In this unique entanglement, what is played out by Tatiana Trouvé is the invention of worlds.

As Tatiana Trouvé pointed out at the conclusion of a recent interview, ‘(…) I don't think art either asks questions or provides answers. I think art bewilders; in other words, it invites us to think differently, by shifting around our references.’ In line with this approach, one can consider the artistic work through the prism of the disorientation here expressed, promoting alternative ways of perception, i.e. other ways to connect to the world and to the people, things and symbols that populate it, by granting them new modes of existence and new regimes of intensity. It will be the task of the exhibition to organise the coexistence of these elements as well as their implementation into experience: the knowledge of these connections is the second line of approach that animates the work of Tatiana Trouvé. It is based on a central rule of construction, namely that it is from things that the formation of an Umwelt, as a world of its own, originates. In this floating world, where spaces and times overlap, we must orient ourselves and, practising the exercise of seeing, weave connections of wandering and of thinking, “From Alexandrinenstrasse to the Unnamed Path”, as the title of the exhibition says.

- Christophe Kihm


The exhibition is accompanied by a display of paintings by Christoph von Weyhe, invited by Tatiana Trouvé. 


Tatiana Trouvé (born 1968) lives and works in Paris. Recent solo exhibitions include Gagosian Gallery, Geneva, Switzerland (2014); Museion Bozen, Italy (2014); MAMCO, Geneva, Switzerland (2014); Kunsthalle Nürnberg, Germany (2014); Kunstmuseum Bonn, Germany (2014); Schinkel Pavillon, Berlin, Germany (2014); Kunsthaus Graz, Austria (2010), Migros Museum, Zurich, Switzerland (2009); Kunstverein Hamburg, Germany (2009), Johann König, Berlin, Germany (2007) und Palais de Tokyo, Paris, France (2007). Last year the Public Art Fund presented her work Desire Lines in Central Park, New York. She participated in 2014 in the Biennale de Lyon, 2010 in the São Paulo Biennale and 2007 and 2003 in the Venice  Biennale. She received several art prizes including the Marcel Duchamp Prize (2007). Works by Trouvé are represented in numerous collections such as those of Centre Georges Pompidou; Migros Museum, Zürich, Switzerland and MAMCO, Geneva, Switzerland amongst others. Her work is subject to several monographs.


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A LABORATORY OF TIME

Für ihre zweite Einzelausstellung in der KÖNIG GALERIE hat Tatiana Trouvé neue Werke zusammengestellt, die sich in drei Gruppen gliedern. Cosmos besteht aus drei Möbelstücken, über die bronzene Decken gelegt sind, auf deren Rückseiten sich gemalte, gezeichnete und geschriebene Kosmologien finden. Diese Objekte kombinieren verschiedene Wirklichkeiten miteinander: das Triviale industriell gefertigter Möbel und der Kartographie, die Verläufe von Flüssen und Diagramme kosmischer oder natürlicher Systeme, historische und klimatische Phänomene sowie Topologien des Traums. Wie zwischengelagerte Dinge besitzen sie allenfalls Interimsstatus. Die Räume aber, die dabei entstehen, sind solche des Übergangs und des Durchgangs; was sich hier ereignet, ist die Verwandlung der Stoffe und die Überlagerung von Räumen und Zeiten, von Anordnungen und Darstellungen, von Maßstäben und Dimensionen, von Kulturen und Systemen des Denkens. Es ist ein bruchstückhafter und unbeständiger Cosmos.

In der Gruppe der Werke, aus denen Wander Lines besteht, sind Drähte und Leitungen für Tatiana Trouvé die Mittel, Raum zu erzeugen und zu schreiben. Mit den hier verwendeten Metallstäben werden Wege nachgezeichnet, die an Daten und Orte, aber auch an Aussagen geknüpft sind („Infinite detour“, „From here to now“), und die diese Formen mit Vorstellungen verbinden, die ein entferntes Echo jener Topographien sind, die Fernand Deligny bei seiner Beobachtung autistischer Kinder erfand. Die vertikal gezogenen Stäbe und Drähte der Equivalences wiederum sind Bestandteile eines Systems, in dem ein Gewicht (ein mechanisches und industriell gefertigtes Bauteil) und sein Gegengewicht (Behälter, Flasche oder Gefäß) durch eine Riemenscheibe miteinander verbunden sind. Um das aufgehängte Element zu halten, muss das Gegengewicht zweieinhalb Mal so schwer sein wie das Gewicht: Die Gleichwertigkeit wird unter Verzicht auf Gleichheit erreicht, und zwar durch die Gefährdung des Prinzips der Gleichheit selbst. Fragmentierung, Aufhängung, Überlagerung, Gleichwertigkeit und Echo … sind Möglichkeiten, den Zusammenhalt zwischen einzelnen Elementen aufrechtzuerhalten, aber auch verschiedene Weisen des Umgangs mit der Zeit. In dieser einzigartigen Verschlingung ereignet sich bei Tatiana Trouvé die Erfindung von Welten.

Am Ende eines Interviews unterstrich die Künstlerin jüngst: „(…) I don’t think art either asks questions or provides answers. I think art bewilders; in other words, it invites us to think differently, by shifting around our references.“ (Ich glaube nicht, dass die Kunst Fragen stellt oder Antworten bereithält. Ich glaube, dass die Kunst Verwirrung stiftet, mit anderen Worten: dass sie uns einlädt, unsere Referenzpunkte zu verschieben und so unser Denken zu ändern.) Dieser Linie folgend ließe sich die künstlerische Arbeit durch das Prisma solcher Verunsicherungen betrachten—Verunsicherungen, die andere Sichtweisen fördern, d. h. andere Weisen, mit der Welt und den sie bevölkernden Menschen, Gegenständen und Symbolen in Verbindung zu treten, indem man ihnen neue Lebensformen und Intensitätsgrade zugesteht. Es wird Aufgabe der Ausstellung sein, das Nebeneinander dieser Elemente und deren Umsetzung in Erfahrung zu organisieren. Das Wissen dieser Verbindungen ist die zweite Linie, die Tatiana Trouvé in ihren Arbeiten verfolgt. Sie beruht auf der zentralen Konstruktionsregel, dass der Aufbau einer Umwelt, als einer Welt für sich, von den Gegenständen auszugehen hat. In dieser sich ständig verändernden Welt, in der Räume und Zeiten einander überlagern, sind wir vor die Aufgabe gestellt, uns zu orientieren und durch die Ausübung unseres Blicks Verbindungen – nämlich solche des Umherirrens und des Denkens – zu knüpfen: „From Alexandrinenstrasse to the Unnamed Path“, wie es im Titel der Ausstellung heißt.

- Christophe Kihm    

                                                           

Die Ausstellung wird von diversen Malereien des Künstlers Christoph von Weyhe begleitet, der von Tatiana Trouvé dazu eingeladen wurde.


Tatiana Trouvé (geboren 1968) lebt und arbeitet in Paris. Zuletzt hatte sie Einzelausstellungen im Museion Bozen, Italien (2014); im MAMCO, Genf, Schweiz (2014); in der Kunsthalle Nürnberg (2014); im Kunstmuseum Bonn (2014); im Schinkel Pavillon, Berlin (2014); in der Gagosian Gallery, New York, USA (2013); im Kunsthaus Graz, Österreich (2010), im Migros Museum, Zürich, Schweiz (2009); im Kunstverein Hamburg (2009), bei Johann König, Berlin (2007) und im Palais de Tokyo, Paris, Frankreich (2007). Letztes Jahr war ihre Arbeit Desire Lines im Rahmen des Public Art Fund im Central Park, New York zu sehen. 2014 nahm sie an der Biennale de Lyon, 2010 an der São Paulo Biennale und 2007 und 2003 an der Biennale de Venezia teil. Sie wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet,  u.a. 2007 mit dem Marcel Duchamp Prize. Ihre Arbeiten sind Teil privater und öffentlichen Sammlungen, darunter Centre Georges Pompidou, Migros Museum, Zürich, Schweiz und des MAMCO, Genf, Schweiz. Zu ihrem Werk sind zahlreiche  Monografien erschienen.